Sonntag, 28. Juni 2015

Wieso Marken?

Weil es in Cornwall so kalt ist.
Eigentlich wollten wir nach Cornwall fahren, haben eifrig Rosamunde Pilcher geschaut, uns Reiseführer besorgt und Campingplätze studiert.
Aber der Vorteil, dass in NRW die Sommerferien ziemlich früh begonnen haben, und wir damit rechnen konnten, ausreichend Platz auf den Campingplätze vorzufinden, hat auch den Nachteil, dass es dort Ende Juni noch ziemlich kalt ist. Und wir haben keine Lust, auf Baden, Sonne, Wärme und Strand zu verzichten.

Und zufällig haben wir von unserer Holländisch-Lehrerin Vera gehört, dass die Marken so schön sein sollen. Ancona, Pesaro, Urbini, Fano heißen die Städte, die Hauptstadt heißt Macerata. Wir waren noch nie da und sind gespannt. Morgen früh, Montag, 29.6.2015, geht's los.


Tja, so kam es. Wo wir letztendlich wirklich landen werden, wissen wir noch nicht. Dank Naggi sind wir ja beweglich.




Naggi ist startklar


Nun zu etwas ganz anderem. Patrick Macnee (Mit Schirm, Charme und Melone, früher meine Lieblingsserie im Fernsehen) ist gestorben. Und die FAS hat einen wunderbaren Nachruf geschrieben.




Patrick Macnee

Er tippte nur leicht mit seinem Spazierstock ans Gatter, da sprang es schon auf. Ein breiter Kiesweg öffnete sich, der durch einen Park zu einem Anwesen führte. Kaum hatte Patrick Macnee einen Fuß durch das Gatter gesteckt, kam ihm ein Mann entgegen und streckte die Hand aus.
„John Steed, I presume?“, sagte James Mason und nahm ihn sachte, aber bestimmt am Unterarm. „Kleiner Scherz natürlich. Willkommen, Patrick, immer nur herein, Niven wartet schon.“ – „Niven ist auch hier?“, fragte Macnee zurück. „Wir sind alle hier“, antwortete Mason und lächelte, „David ist da, Bobby Moore, Peter O’Toole, sogar Cary Grant, der sich wieder Archibald nennt, es wird dir bestimmt gefallen, alter Junge.“
Der Kies knirschte unter ihren Lederschuhen (rahmengenäht, natürlich), während sie langsam den Weg zum Anwesen entlang gingen. „Schön, dass du da bist, alter Junge. Was macht Emma Peel?“ Ein dicklicher Mann eilte an ihnen vorbei, einen Rosenkranz in den Händen. „Guten Tag, Sir“, rief Mason ihm freundlich hinterher. „Plebs“, fauchte der dickliche Mann zurück. „Wer war denn das?“, fragte Macnee. „Ach“, sagte James Mason, „das war Evelyn Waugh.“ – „Der Schriftsteller?“ – „Der Schriftsteller, ganz richtig. Der arme Junge hatte so darauf gehofft, eine Putte in der Sixtinischen Kapelle zu werden, jetzt ist er hier.“ Mason schüttelte den Kopf. „Er betet jeden Tag elfmal den Rosenkranz, aber es hilft nichts. Vorsicht!“, schrie er plötzlich auf und zog Macnee mit einem Ruck auf die Seite, ein weißhaariger Mann auf einem Fahrrad schoss an ihnen vorbei und klingelte fröhlich. „Mister Stringer, wirklich, muss das jedes Mal so sein?“ – „Bin im Dienst“, rief Mister Stringer über die Schulter zurück. „Ein Mordfall, komisch, nicht, hier sind ja eigentlich alle schon tot!“
Da hielt Macnee James Mason am Arm fest und schaute ihm in die Augen. „Bitte, James“, sagte Macnee, „sag mir die Wahrheit, wo bin ich hier gelandet?“ – „Das hier, alter Junge“, antwortet Mason, „ist der Ort, wo alle Gentlemen hinkommen, wenn sie ihren letzten Tee getrunken haben.“ – „Du meinst, eine Art Avalon aus Tweed?“, fragte Macnee zurück. „Ganz richtig, alter Junge, so könnte man es sagen – obwohl es mir manchmal eher vorkommt wie ein Eton ohne Schulferien.“
Mason starrte kurz und verloren vor sich hin, dann hatte er sich aber auch schon wieder gefangen und nahm Macnee am Unterarm. „Komm, alter Junge“, sagte er, „ich will dir die Leiterin unseres kleinen Ladens vorstellen.“ – „Doch nicht Maggie Thatcher?“, fragte Macnee, der nach Gentleman-Art zwar auf alles gefasst war, aber trotzdem versuchte, sich aus Masons Umarmung zu winden. „Aber nein“, sagte Mason, „kleiner Scherz, ich meine natürlich Oscar Wilde. Hier ist übrigens das Programm für morgen früh: neun bis zehn Uhr: Das kleine Einmaleins des Einstecktuchs, zwischen elf und zwölf spielen wir eine Partie Bridge, danach gibt es einen kleinen Lunch, die Gurkensandwiches sind herrlich, und anschließend trägt Quentin Crisp sechs Stunden lang Gedichte von John Betjeman vor." 

Eigentlich, dachte Patrick Macnee und drehte sich zum Tor um, wäre das jetzt der Augenblick, an dem mich früher immer Emma Peel herausgehauen hätte. Aber Emma kam nicht.




VON TOBIAS RÜTHER, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.6.2015